Gerolf Gehl (Zürich):

Chirurgische Epithetik II:

Kraniofaziale Epithetik



Artikel im Netz freigegeben am 16.08.2001

1. Einleitung
2. Die adhäsivfixierte Epithese
3. Die brillenretinierte Epithese
4. Die implantatfixierte Epithese
5. Planung zur präprothetischen Chirurgie
6. Planung zur Orbitaepithese
7. Planung bei Nasenersatz
8. Planung bei Ohrmuschelersatz
9. Anwendung der Stereolithografie in der epithetische Planung
10. Literatur
TOP

1. Einleitung

Die Erfahrung in der Chirurgischen Epithetik hat gezeigt, dass eine schrittweise Rehabilitation des Patienten zu den besten Ergebnissen führt, denn die Kooperationsbereitschaft, die persönliche Akzeptanz und das Vertrauen des Patienten in ein neues Gesichtsteil aus körperfremdem Material entwickelt sich erst während der Anpassung einer Epithese. Nach der Fertigstellung einer brillenretinierten Epithese als Langzeitprovisorium kann durchaus später der Wunsch nach einer implantatfixierten Epithese aufkommen, wenn die Erfahrung gemacht wird, dass die brillenretinierte Epithese verrutschen kann und als Fremdkörper spürbar bleibt. In jedem Falle ist nach Indikationsstellung die möglichst frühzeitige Anpassung einer brillenretinierten Epithese zu empfehlen, weil durch die Kaschierung des Defekts eine schnelle psychosoziale Eingliederung erreicht wird. Während der Anpassungsphase des Langzeitprovisoriums sollte zweckmäßigerweise die Implantatinsertion diskutiert und gegebenenfalls vorgenommen werden, denn bei einer frühzeitigen Implantatinsertion wird mit der temporären Epithese die Einheilungszeit der Implantate von ca. drei Monaten bei gleichzeitiger Defektkaschierung überbrückt. Später kann das Modell der temporären Epithese als Mutterform zur Anpassung der definitiven implantatfixierten Epithese verwendet werden. Das schrittweise Rehabilitationskonzept hat sich in folgenden Abstufungen bewährt:

  1. Adhäsivfixierte Epithese oder brillenretinierte Epithese
  2. Implantatfixierte definitive Epithese

Wenn die allgemeine Disposition des Patienten es zulässt - Grunderkrankungen, Alter, Heilungstendenz, Tumorfreiheit - bietet sich in jeder Phase dieses Therapiekonzepts eine interdisziplinäre chirurgisch-prothetische Verbesserung an, bis hin zur definitiven chirurgisch ästhetischen Rekonstruktion.



TOP

2. Die adhäsivfixierte Epithese

Die adhäsivfixierte Epithese kommt als eine in Form und Farbe angepasste Verbandsplatte als postoperative Immediatversorgung in Frage (Abb. 7a und b). Einerseits, um einen auffälligen Gazeverband zu vermeiden, andererseits um den Verbandswechsel zu erleichtern und schließlich um mit dem Design der Verbandsplatte bereits das Modell für eine definitive Epithese vorzubereiten (GEHL 1994). Eine weitere Indikation zur adhäsivfixierten Epithese besteht bei Ohrmuschelersatz, wobei allerdings Adhäsiv- und Reinigungsmittel nach kurzer Zeit die Ästhetik und die mechanische Haltbarkeit der Epithese beeinträchtigen können (Abb. 8a und b). Dadurch kann eine Neuanfertigung innerhalb kurzer Frist notwendig werden. Als Alternative zur weichen Silikonepithese gilt Polymethylmethacrylat, das wesentlich unempfindlicher gegenüber mechanischer Beanspruchung ist und deshalb durchaus funktionelle Vorteile bietet (BUCHER et al. 1997).



Abb. 7a

Abb. 7a:
Ausgedehnter Mittelgesichtsdefekt mit fixierter Oberkieferplatte bei 48-jähriger Patientin.
Abb. 7b Abb. 7b:
Immediatepithese als Verbandsplatte (vgl. Abb. 12a).


Abb. 8a

Abb. 8a:
Status nach Ohrmuschelablatio bei einem 67-jährigen Patienten.
Abb. 8b Abb. 8b:
Ohrmuschelersatz mittels adhäsivfixierter Silikonepithese.


TOP

3. Die brillenretinierte Epithese

Die brillenretinierte Epithese aus weichbleibendem Sillkon hat einen hohen Tragekomfort sowie eine überdurchschnittliche Haltbarkeitsdauer, da ihre Ränder nicht durch Adhäsiv- oder Reinigungsmittel beansprucht werden. Die Haltbarkeit kann bei sachgemäßer Reinigung und Kontrolle auf ca. fünf Jahre ausgedehnt werden, was im Rahmen der Diskussion um Kostendämpfung ein beachtenswerter Aspekt ist. Die brillenretinierte Epithese hat sich bevorzugt bei Mittelgesichtsdefekten als Langzeitprovisorium bewährt, weil sie bereits kurze Zeit nach der Operation, vor der abgeschlossenen Wundheilung angepasst werden kann, vorausgesetzt die Ränder des Epithesendesigns liegen wie ein Deckel zirkulär um die Wundhöhle auf und schützen den Defekt, ohne den Wundheilungsprozess mechanisch zu tangieren. Die Mehrzahl der Patienten bevorzugt diese Art der Erstversorgung, weil die epithetische Rehabilitation kurzfristig und ohne einen zusätzlichen chirurgischen Eingriff möglich ist (Abb. 9a-b). Die Epithese wird aus Silikon der Shore A Härte 20 fabriziert, hat dünn ausgezogene weiche Ränder und wird mittels federhartem 0,9 mm starkem Remaniumdraht im Brillenrahmen verankert (Abb. 10a-b). Diese federnde Retention mindert einerseits die Bruchgefahr bei einem Schlag gegen die Brille, andererseits minimieren die weichen Epithesenränder und die federnde Lagerung die Verletzungsgefahr für den Patienten (GEHL 1985 u. 1996).

Abb. 9a

Abb. 9a:
Zustand nach Exenteratio orbitae rechts bei einer 45-jährigen Patientin.
Abb. 9b Abb. 9b:
Die Erstversorgung mittels brillenretinierter Epithese ist bereits kurzfristig nach der Operation möglich.
Abb. 10a

Abb. 10a:
Die brillenretinierte Silikonepithese liegt nur im Randbereich zart auf der Haut und schützt die Wundhöhle wie ein Deckel.
Abb. 10b Abb. 10b:
Die Retention mittels federhartem Remaniumdraht und die weichen Silikonränder erhöhen den Tragekomfort (im Vergleich zu einer starren Fixierung mittels PMMA).

Nachteile der Brillenretention liegen zum einen darin, daß die Epithese mit der Brille verrutschen kann und dass zum anderen bei der Reinigung der Brille der Defekt entblößt werden muss, was dem Patienten in der Öffentlichkeit peinlich und unangenehm sein kann. Als weiterer Nachteil gilt, dass der Patient auf diese einzige Brille in Kombination mit der Epithese angewiesen ist.



TOP

4. Die implantatfixierte Epithese

Die implantatfixierte Epithese, die Fixierung in definierter Position unabhängig von der Brille oder von Adhäsiv, wird derzeit als definitive epithetischeVersorgung betrachtet. Sie wird sehr gut inkorporiert, da sie kaum als Fremdkörper empfunden wird und für den Patienten leicht zu handhaben ist. Sie wird mittels Minimagneten, Stegkonstruktion oder vergleichbaren Fixierungselementen abnehmbar auf osseointegrierten Titanimplantaten gelagert. Für die extraorale Prothetik stehen Modifikationen bewährter dentaler Titanimplantate zur Wahl, die als Einzelpfosten fest von der Knochenstruktur impaktiert werden (BRANEMARK 1977, KIRSCH u. ACKERMANN 1986). Aus den zahlreichen Publikationen zu diesem Thema geht hervor, dass die kraniofazialen Titanimplantat-Systeme untereinander vergleichbare Langzeiterfolge aufweisen. Deswegen können sie gleichwertig bei der epithetischen Rehabilitation Verwendung finden.



TOP

5. Planung zur präprothetischen Chirurgie

Eine chirurgisch und prothetisch aufeinander abgestimmte Sub- und Suprastruktur läßt eine optimale und langfristige Osseointegration der Implantate erwarten (Besimo et al. 1995), denn in der zahnärztlichen Prothetik sowie in der Chirurgischen Epithetik ist in der Regel die Planung zur Lokalisation der Implantate, die Hygiene der periimplantären Situation sowie die physiologisch mechanische Abstimmung der Gesamtkonstruktion eine Voraussetzung für den Langzeiterfolg, wobei die intra- und die extraorale Implantologie vergleichbaren Konstruktionsprinzipien zahnärztlicher Prothetik und Werkstoffkunde unterliegen (Abb. 11a-c).





Abb. 11a

Abb. 11a:
Zwei Zylinderteleskop-Magnetpfosten (Steco nach tumorbedingter Ablatio auris als Fixierungselement für eine Ohrmuschelepithese bei einem 67-jährigen Patienten.
Abb. 11b

Abb. 11b:
Silikonohrmuschel auf zwei Magnetteleskoppfosten gelagert in situ. Dieses Konstruktionsprinzip blockiert Sideshift- und Rotationsmomente und bietet deshalb die Abstützung für eine Brille.
Abb. 11c

Abb. 11c:
Die implantatfixierte Epithese wird derzeit als definitive epithetische Versorgung betrachtet, insbesondere bei der Rekonstruktion zur Abstützung einer Brille.


TOP

6. Planung zur Orbitaepithese

Nach der chirurgischen Ausräumung eines Tumors, wie z. B. bei der Exenteratio orbitae, sollte die Defekthöhle chirurgisch nur sparsam ausgekleidet werden, damit genug Volumen für eine epithetische Konstruktion zur Verfügung steht, denn in der Defekthöhle sollen die Fixierungselemente und der Epithesenkörper in sagittaler und transversaler Ausdehnung genügend Raum finden, damit es zu keiner asymmetrischen Verschiebung im Epithesendesign kommt. Dies gilt für brillenretinierte und implantatfixierte Epithesen gleichermaßen. Präoperativ empfiehlt sich deshalb eine konsiliarische Planung, um die günstigste Position zur Osseointegration der Implantate in Bezug auf den prothetischen Ersatz zu finden, damit einerseits eine dauerhafte Osseointegration der Implantate und andererseits die korrekte prothetische Integration der Konterelemente im Epithesenkörper erreicht wird. Zu diesem Zweck wurden Planungsschablonen entwickelt (GEHL 1985, 1990). So kann während einer Exenteratio orbitae mit Hilfe einer transparenten Epithesenschablone die optimale Lage und der ideale Neigungswinkel der Implantate bestimmt werden und sie können in derselben Operation gesetzt werden (Abb. 12a-c).


Abb. 12a

Abb. 12a:
Teilkonfektionierte Epithesenmodelle als Planungsschablonen. Die Schablonen sind ebenfalls als Verbandsplatte oder Immediatepithese einsetzbar.
Abb. 12b

Abb. 12b:
Nach der Exenteratio orbitae stellt die gassterilisierte transparente Schablone die Begrenzung des Epithesenvolumens dar.

Abb. 12c

Abb. 12c:
Position, Neigungswinkel und Bauhöhe der geplanten Retentionsanker sollen innerhalb der Planungsschablone liegen.

Dabei gestattet die transparente Schablone einen Einblick in das zu erwartende Epithesenvolumen, innerhalb dessen die Fixierungselemente Platz finden und positioniert sein sollen. Position und Neigungswinkel der Implantate sollten in achsialer Richtung eine Mindestbauhöhe von 12 mm ab Knochenniveau für die Fixierungselemente bieten. Abstand und Achsneigung der Implantate sollten so bemessen sein, dass die Aufbaupfosten an der transkutanen Durchtrittsstelle zwecks übersichtlicher perlimplantärer Hygiene mindestens 15 mm Distanz voneinander haben (Abb. 12d-f).




Abb. 12d

Abb. 12d:
Status nach dreimonatiger Einheilungsphase der Implantate (Friadent) und Insertion der Magnetanker (Steco)


Abb. 12e

Abb. 12e:
Die periimplantäre Übersicht bei freistehenden Pfeilern gestattet eine optimale Hygiene.
Abb. 12f

Abb. 12f:
Magnetretinierte Orbitaepithese bei einer 42-jährigen Patientin in situ.


TOP

7. Planung bei Nasenersatz

Bei Nasen- und Nasenteilersatz können die Implantate auf dem Rand der apertura piriformis inseriert werden, nachdem die Knochenkante durch Beschleifen auf eine Plateaubreite von ca. 6 mm zur Aufnahme der Implantate präpariert wurde. Die Achsneigung der Implantate soll in Richtung des Nasenrückens deuten, damit die Retentionselemente bei ausreichender Bauhöhe innerhalb des Epithesenkörpers platziert werden können. Ausreichendes Knochenangebot zur Insertion eines Implantats ist außerdem unterhalb der Glabella vorhanden (Abb. 13a-c). Zur Fixierung von Epithesen bei geringem Knochenangebot wurde ein Titangitterimplantat (3-D Trägerplatte, Epitec) mit zugehörigen Fixierungselementen zur Retention von vollflexiblen Silikonepithesen unter Eliminierung der bis dahin üblichen harten PMMA-Basis entwickelt (FARMAND 1991, GEHL 1992).


Abb. 13a

Abb. 13a:
84-jährige Patientin nach Ablatio nasi wegen eines rezidivierenden Basalioms. Implantatretention unterhalb der Glabella.
Abb. 13b

Abb. 13b:
Defektdeckung mittels magnetretinierter Silikonepithese auf einem Einzelpfeiler.

Abb. 13c

Abb. 13c:
Die implantatretinerte Nasenepithese rekonstruiert die Kontur der Nase ästhetisch. Zusätzlich wird die Abstützung für die Brille wiederhergestellt.


TOP

8. Planung bei Ohrmuschelersatz

Bei Ohrmuschelersatz genügt zur Planung der Implantatpositionen eine Skizze auf einer flachen transparenten Kunststofffolie. Die Planung wird zweckmäßigerweise am aufrecht sitzenden Patienten vorgenommen, da gleichermaßen das Ohr in der Profilansicht und ebenfalls die Symmetrie im en face Bild beurteilt werden müssen . Die Planungsskizze ist notwendig, um sicherzustellen, daß später die Fixierungselemente nicht aus der Concha des Epithesenkörpers herausragen, sondern dass die Implantatanker so positioniert werden, dass die Suprastruktur in ihrer Bauhöhe vollständig in die Ohrmuschelhelix integriert werden kann. Aus der Literatur ist bekannt, dass deshalb die Idealposition der Implantate ca. 20 mm dorsal des Porus acusticus externus liegen soll. Zur Positionierung wird empfohlen, den Porus acusticus externus als Zifferblattzentrum zu betrachten und die Implantate auf bestimmte Uhrzeitpositionen zu setzen (TJELLSTROEM 1981 u. 1990, LEHMANN 1994). Allerdings ist beim abgedeckten Patienten die Lagebestimmung der Uhrzeitpositionen zuweilen schwierig. Deshalb wurde von uns eine Bezugshorizontale festgelegt, deren Endpunkte auch am abgedeckten Patienten palpierbar sind. Vergleichbar ist diese Ebene mit der Frankfurter Horizontale. Die palpierbare epithetische Horizontale liegt allerdings etwas höher. Zur Orientierung dienen der Porus acusticus externus und der laterale Orbitarand. Der Porus ac. ext. dient als Zifferblattzentrum und die kürzeste Verbindungslinie zum lateralen Orbitarand gilt als 3.00 Uhr - 9.00 Uhr - Horizontale für die Bestimmung der Uhrzeitpositionen zur Implantatinsertion (Abb. 14a-b).


Abb. 14a

Abb. 14a:
Diese epithetische Bezugshorizontale zur Positionerung der Implantate ist am abgedeckten Patienten palpierbar. Auf der rechten Seite sollen die Implantate 20 mm dorsal vom Porus acusticus ext. auf 8:00 und 10:30 Uhr gesetzt werden.
Abb. 14b

Abb. 14b:
Eine präoperativ erstellte Planungsskizze auf einer transparenten Folie kann als Zeichnung oder als gefräste Schablone während der Operation dienen. Links sollten die Implantatpositionen auf 1:30 und 4:00 Uhr liegen.

Seit die Versorgung mittels implantatretinierten Ohrmuschelepithesen eine bewährte Methode mit guten Langzeitresultaten ist, rückt nun auch die Patientengruppe mit kongenitaler kraniofazialer Anomalie in den Vordergrund. Wenn bei Mikrotie kein äußerer Gehörgang angelegt ist, liefern die Ohrmuschelrudimente Orientierungsstrukturen für die Planungsskizze. Mit Hilfe einer Zeichnung auf einer festen transparenten Folie kann die Lage und Kontur der gesunden Ohrmuschel spiegelbildlich auf die fehlgebildete Seite geklappt werden. Auf diese Weise wird der imaginäre Porus ac. ext. zur Rekonstruktion der epithetischen Horizontale gefunden. Deshalb sollten Aurikularrudimente aus unterschiedlichen Gründen chirurgisch geschont werden, damit sie zur weiteren Planung und Orientierung zunächst erhalten bleiben und gegebenenfalls eine gassterillisierte, gefräste Planungsschablone am abgedeckten Patienten positioniert werden kann (Abb. 15). Bei der Planung zur Lagebestimmung einer Ohrmuschel bei Mikrotie sollte daran gedacht werden, dass die Rudimente, der Wachstumstendenz der Weichteile des Splanchnokraniums folgend, häufig nach anterior verlagert und deshalb nicht als definitive Plazierung der Ohrmuschel geeignet sind. Eine Verschiebung nach dorsal in der Planung ist deshalb in Abstimmung zur regelrechten Seite sinnvoll.


Abb. 15

Abb. 15:
Die Kontur der regelrechten Ohrmuschel wird mittels transparenter Folie mit schwarzer Zeichnung auf die fehlgebildete Seite geklappt und die Umrisse der Rudimente sowie die Implantatpositionen in roter Zeichnung markiert. Zusätzlich kann eine gefräste Schablone gefertigt werden.

Neben der vorrangigen Möglichkeit der plastisch-chirurgischen Ohrmuschelrekonstruktion bei Mikrotie oder Aplasie (WEERDA 1994, 1996) kann auch eine temporäre oder definitive epithetische Versorgung diskutiert werden, -denn es kommt vor, dass die chirurgische Ohrmuschelrekonstruktion nicht zur Zufriedenheit des Patienten ausfällt, besonders dann, wenn mehrfach chirurgisch korrigiert wurde. Die Insertion zweier Implantatanker und in einem zweiten Schritt eine chirurgische Glättung der Region sowie die Anpassung einer Ohrmuschelepithese kann für die Patientin/den Patienten ein akzeptableres Resultat bedeuten. Deshalb ist auch bei Dysostosis otomandibularis die Ohrmuschelepithese durchaus eine diskutable Indikation (Abb. 16).


Abb. 16

Abb. 16:
Implantatretinierte Ohrmuschelepithese bei Dysostosis otomandibularis rechts bei einem 17-jährigen Patienten, nachdem mehrere plastisch-chirurgische Operationen zum Ohrmuschelaufbau nicht das erwünschte Resultat brachten. Die chirurgische Verlängerung bzw. Augmentation der Mandibula rechts steht noch aus.


TOP

9. Anwendung der Stereolithografie in der epithetischen Planung

Wesentlich schwieriger ist die Planung bei Franceschetti-Syndrom (Treacher-Collins Syndrom). Aus Sicht der kraniofazialen Chirurgie steht heutzutage die Kallusdistraktion der Mandibula und die Korrektur des Os zygomaticum im Vordergrund. Als Planungsgrundlage dient hierbei ein Stereolithografiemodell (SAILER et al. 1998). Dieses Modell wird ebenfalls zur Planung der Lokalisation der Implantate bei bilateralem Ohrmuschelersatz und des BAHA (Bone Anchored Hearing Aid) herangezogen (GEHL et al. 1996). Das Stereolithografiemodell zeigt sehr anschaulich den Problemkreis für die epithetische Planung. Zum einen ist in der Region des Mastoids das Knochenangebot unregelmäßig und daher für eine Implantatinsertion sehr fraglich (Abb. 17a), zum anderen verursacht das retinierte Wachstum der Mandibula und des Os zygomaticum eine ästhetisch gegensinnige Verschiebung der Mastoidregion nach kaudal. Das bedeutet: Der Processus mastoideus ist im Verhältnis zum Splanchnokranium nach kaudal abgesunken. Wenn nun bei der Planung zur Implantatinsertion das Mastoid, wie häufig empfohlen, als Implantatposition dient, so würden die Retentionselemente zu weit kaudal liegen und die Ohrmuscheln und auch das BAHA würden im Nackenbereich platziert. Das ergibt ästhetisch kein optimales Resultat. Deshalb dienen als externe Orientierung im Profil und en face die Nasenflügel als Untergrenze und die Augenbrauen als Obergrenze, innerhalb derer die Ohrmuscheln liegen sollten. Diese Positionen können auf der Planungsskizze festgehalten werden, mittels derer die Rudimente als externe Konturen intraoperativ zur Orientierung genutzt werden können. Bei der Übertragung dieser externen Beurteilung nach ästhetischen Gesichtspunkten auf das Stereolithografiemodell fällt auf, dass die Implantatpositionen sehr weit nach distokranial von der Mastoidregion verschoben werden müssen, um ein optimales ästhetisches Resultat zu erhalten (Abb. 17b-d). Nach der Insertion der Implantate sollte erst nach erfolgter Osseointegration in einem zweiten Schritt beim Setzen der prothetischen Pfeiler entschieden werden, auf welche Weise die Ohrmuschelrudimente ins Gesamtdesign einbezogen werden. Im hier vorgestellten Fall wurde ein Knorpelrudiment als Tragus chirurgisch aufgestellt, die Weichteile nach dorsal gestrafft und diese Maßnahmen in das Epithesendesign integriert (Abb. 4 und 17d).



Abb. 17a

Abb. 17a:
Das Stereolithografiemodell zeigt, dass das Knochenangebot in der Mastoidregion unregelmässig ist.
Abb. 17b

Abb. 17b:
Festlegung der externen Konturen der Ohrmuscheln nach ästhetischen Gesichtspunkten.
Abb. 17c

Abb. 17c:
Bei der Übertragung der externen ästhetischen Beurteilung auf das Stereolithografiemodell fällt auf, dass die Idealposition der zwei Implantate weit distokranial vom Mastoid liegt (der anteriore Punkt ist der imaginäre Porus acusticus ext.)

Abb. 17d

Abb. 17d:
8-jähriger Patient (Franceschetti-Syndrom) mit magnetretinierter Epithese in situ: Gemäss dem Planungskonzept zur präprothetischen Chirurgie wurde der Knorpelanteil aus dem Ohrmuschelrudiment als Tragus aufgestellt und als autologer Anteil in das alloplastische Epithesendesign integriert.


TOP

10. Literatur

  1. BESIMO, CH. E., GRABER, G., LAMBRECHT, J. TH.: Bildgebende Verfahren zur prächirurgisch-prothetischen Planung implantatgetragener Suprastrukturen. Implantologie 3: 193-207 (1995).


  2. BRANEMARK, P.-I., HANSSON, B. 0., ADELL, R., BREINE, U, LINDSTRÖM, J., HALLEN, 0., ÖHMAN, A.: Osseointegrated implants in the treatment of the edentulous iaw. Scand. J. Plast. Reconstr. Surg. 111. Suppl. 16: 1 - 132 (1977).


  3. BUCHER, P., LÜSCHER, N.J., TROEGER, H., PREIN, J.: Die Materialfrage in der Epithetik - Haben die harten Kunststoffe eine Existenzberechtigung? In: SCHWIPPER, V., TILKORN, H. (Hrsg.) Fortschritte in der kraniofazialen chirurgischen Prothetik und Epithetik. Einhorn-Presse Verlag, Reinbek, 199-206 (1997).


  4. FARMAND M.: Ein neues Implantat-System für die Befestigung von Epithesen (Epitec-System). Dtsch. Z. Mund Kiefer GesichtsChir. 15: 421-427 (1991).


  5. GEHL, G.: Ein neues Verfahren bei der Versorgung von Gesichtsdefekten. In: EHRING, F. (ed.): Die Epithese zur Rehabilitation des Gesichtsversehrten, Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, Chicago, London, Sao Paulo und Tokio 77-82 (1985).


  6. GEHL, G.: Epithesenmodell ohne Abformung? In: Kongressband des Il. Internationalen Symposiums für Chirurgische Prothetik und Epithetik, Linz 29-34 (1990).


  7. GEHL, G.: Eine neuartige Fixierung bei Silikonepithesen. In: Kongressband zum IV. Internationalen Symposium für Chirurgische Prothetik und Epithetik, Linz 39-44 (1992).


  8. GEHL, G.: Erhöhung der Lagestabilität von Resektionsprothesen durch Verschlüsselung mit einer implantatgestützten Epithese. In: Kongressband zum Vl. Internationalen Symposium für Chirurgische Prothetik 'und Epithetik, Linz 39-43 (1994).


  9. GEHL, G.: Epithetische Versorgungsmöglichkeiten im Gesichtsbereich. In: DUMMER, R., PANIZZON, R., BURG, G. (Hrsg.): Operative und konservative Dermatoonkologie im interdisziplinären Grenzbereich, Band 11. Blackwell Wissenschafts-Verlag, Berlin, Wien, 16-21 (1996).


  10. KIRSCH, A., ACKERMANN, K.L.: Das IMZ-System, Methode - Klinik - Ergebnisse. Zahnärztl. Welt 95: 1134-1144 (1986).


  11. LEHMANN, K.M., SCHWENZER, N.: Maxillofaziale Prothetik. In: SCHWENZER, N., Zahn-Mund-Kieferheilk. Band 3, Prothetik u. Werkstoffkunde. Thieme, Stuttgart 425-495 (1994).


  12. SAILER, H. E, HAERS, P. E., LOCHER, M., WARNKE, T., ZOLLIKOFER, C. P. E., STUCKI, P.: The Value of Stereolithographic Models for Preoperative Diagnosis of Craniofacial Deformitis and Planning of Surgical Corrections. Int J. Oral Maxillofac. Surg. 27: 327-333 (1998).


  13. TJELLSTRÖM, A., LINDSTRÖM, J., NYLEN, 0., ALBREKTSSON, T., BRANEMARK, P. I.: The bone-anchored auricular epithesis. Laryngoscope 91: 811 (1981).


  14. WEERDA, H., SIEGERT, R..- Zugangswege zur plastischen Ohrmuschelkorrektur im Kindesalter. In: SCHMELZLE, R., BSCHORER, R. (Hrsg.),- Plastische und Wiederherstellungschirurgie, Hamburg, Unimed Verlag (1994).


  15. WEERDA, H.: Das frische Ohrmuscheltrauma. HNO 44: 701-709 (1996).





Korrespondenzadresse seit 1.1.2008:
Dr. Gerolf Gehl, Praxisgemeinschaft Zentrum Felsenburg
Thundorferstrasse 4
CH-8500 Frauenfeld
Tel +41 (0)52 723 24 25 | Fax +41 (0)52 723 24 20

E-Mail: info@gerolfgehl.ch

Copyright: ecomed-Verlag, Landsberg;"http//:www.ecomed.de" Übernahme des Beitrags "Chirurgische Epithetik" (Originaltitel) mit freundlicher Genehmigung aus KRUPP, S. (Hrsg.): "Plastische Chirurgie". 15. Erg.Lfg., Juli 2000
Startseite Kiefer-Gesichts-Prothetik

Weiter!

Zurück !