Gerolf Gehl (Zürich):

Chirurgische Epithetik III:

Fixierungselemente bei implantatretinierten kraniofazialen Epithesen



Artikel im Netz freigegeben am 10.10.2001

1. Einleitung
2. Magnetretention bei Orbitaepithesen
3. Magnetretention bei Ohrmuschelepithesen
4. Magnetretention bei Nasenepithesen
5. Fehlerquellen: Ursachen und deren Vermeidung
6. Ausblick
7. Zusammenfassung und Schlussfolgerung
8. Literatur
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1. Einleitung

Die Fixierungselemente in der Gesichtsepithetik werden in der Regel analog dem Design dentaler Implantatsuprastrukturen fabriziert. In der extraoralen Prothetik diente deshalb zunächst vorwiegend der Steg als konventionelle Fixierungsmethode auf osseointegrierten Pfeilern. Es gibt außerdem auch Verankerungsmethoden, die wie ein Druckknopfsystem funktionieren. Beide Methoden, Steg mit Stegreiter wie auch Druckknopffixierung haben den Nachteil, dass sie undefiniert "aktivierbar" sind und somit die Abzugskraft, die extrusive Kraft auf das Implantat beim Abziehen der Epithese, unkalkulierbar bleibt. In diesem Zusammenhang besteht der begründete Verdacht, dass überhöhte extrusive Kräfte und Kippmomente die Osseointegration der Implantate überlasten und so zu Implantatverlust führen können. Außerdem behindert eine Stegkonstruktion die optimale periimplantäre Übersicht und Hygiene. Deshalb stehen heutzutage im Zuge der Entwicklung von Minimagneten als Fixierungselemente auf intraoralen Einzelpfosten ebenfalls für die extraorale Defektprothetik Minimagnete mit definierter Abzugskraft als Retentionselemente zur Wahl. Diese Magnetinserts sind korrosionsstabil (WIRZ und SCHMIDLI 1990) und weisen eine definierte, vom Hersteller ausgewiesene Abzugskraft zwischen 1,5 N und 3 N auf. Je nach Verwendungszweck steht unterschiedliches Design mit spezifischem funktionellem Nutzen zur Wahl: Der einfache Prothesen-Minimagnet in sphärischem Design mit reiner Haltefunktion, desweiteren ein Lip-Magnet und ein Long Lip-Magnet, dessen zirkuläre Metall-Lippe als Schutz gegen Transversalkräfte dient. Außerdem ein Zylinderteleskopmagnet, der Halte-, Stütz- und Kippmeiderfunktion aufweist, gegen Transversalkräfte schützt und eine Resilienzfunktion bietet (Abb. 18a-c).

Abb. 18a

Abb. 18a:
Abutment mit integriertem sphärischem Magnet auf einem Branemark-Implantat (Entific®) und Prothesenminimagnet als Kontermagnet.
Abb. 18b

Abb. 18b:
Lip-Magnet (Technovent®) mit zirkulärer Lippe als Schutz gegen Lateralverschiebung.
Abb. 18c

Abb. 18c:
Teleskopinsert und Zylinderteleskopmagnet bieten mannigfaltige prothetische Funktionen (steco®).

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2. Magnetretention bei Orbitaepithesen

Als Basisdesign zur Fixierung von Orbitaepithesen mittels Minimagneten dient in der Regel der sphärische Prothesenmagnet (steco®, Hamburg) als Implantatinsert mit Kontermagnet im Epithesenkörper. Die Fixierung auf zwei oder mehr Pfosten gibt der Epithese stabilen Halt und einen definierten Sitz. Zwar kann die Epithese auf der Fläche der Magnete lateral verschoben werden, die Epithese ist jedoch in der Orbitahöhle weitgehend lagestabil eingebettet. Deshalb gilt die Fixierung mittels einfachen Prothesenmagneten in der Orbitaregion als ausreichend (Abb. 12d-f, siehe auch Gehl: Kraniofaziale Epithetik). Einen zusätzlichen Schutz gegen Lateralverschiebung bietet allerdings der Lip-Magnet (Technovent®, Leeds) (Abb. 18b).



Abb. 12d

Abb. 12d (links):
Status nach dreimonatiger Einheilungsphase der Implantate (Friadent®) und Insertion der Magnetanker (Steco®). (Aus Gehl: Kraniofaziale Epithetik)


Abb. 12e

Abb. 12e (oben):
Die periimplantäre Übersicht bei freistehenden Pfeilern gestattet eine optimale Hygiene. (Aus Gehl: Kraniofaziale Epithetik)
Abb.  12f



Abb. 12f (links):
Magnetretinierte Orbitaepithese bei einer 42-jährigen Patientin in situ. (Aus Gehl: Kraniofaziale Epithetik)



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3. Magnetretention bei Ohrmuschelepithesen

Fixierungselemente bei Ohrmuschelersatz sollten eine Reihe von funktionellen Anforderungen erfüllen, damit der korrekte Sitz der Epithese gewährleistet ist und ein seitliches Verschieben oder eine Rotation des Epithesenkörpers vermieden wird. Deshalb sind als Retentionsanker Magnetsysteme geeignet, die eine ausreichende Haltefunktion aufweisen (ca. 1,5 N) und einen Schutz gegen Transversalkräfte in Form einer langen Metalllippe (Technovent®) oder als Zylinderteleskop (steco®) bieten. Bei den Konstruktionsprinzipien für Ohrmuschelepithesen hat sich die Lagerung auf zwei MagnetTeleskoppfosten bewährt (GEHL 1995). Dieses Konstruktionskonzept stabilisiert die Epithese gegen Rotations- und Scherkräfte und rekonstruiert eine stabile Dreipunktlagerung (Ohr-Nase-Ohr) als Stützfunktion zur Lagerung einer Brille (Abb. 10a-c, vgl. Abb. 13a-c). Desweiteren weist dieses prothetische Konstruktionsprinzip eine Kippmeiderfunktion auf und erlaubt eine teleskopierende Bewegung, falls sich der Brillenbügel beim Abziehen der Brille hinter der Ohrmuschel verkeilt. Früher war noch die Parallelisierung von Teleskoppfosten notwendig, aber die Entwicklung der vollflexiblen Silikonepithese unter Verzicht auf eine PMMA-Basis (GEHL 1992, 1995 u. 1996) vereinfacht die Herstellung und Handhabung von implantatgestützten Epithesen und ermöglicht die Fixierung auf divergierenden oder konvergierenden Teleskoppfosten, da der Epithesenkörper unter Verwindung seiner Basis auf die Pfosten aufgesteckt werden


kann (Abb. 19a-c). Die vollelastische Silikonepithese schützt das osseointegrierte Implantat gegen unphysiologische Kippmomente, da sie durch ihre volle Flexibilität eine Kraftbrecherfunktion ausübt, wobei einerseits stauchender Druck auf die Ohrmuschel aber auch andererseits abhebelnde Kräfte, die z.B. durch einen Brillenbügel an einer Ohrepithese auftreten können, durch Verwindung des Epithesenkörpers weitgehend neutralisiert werden. Dies schützt die Osseointegration der Implantate vor Überlastung und mindert die Gefahr des Gewindebruchs für die Inserts, der bei Konstruktionen mit Acrylatbasen bereits mehrfach beobachtet wurde. Als Retentionselemente sind einteilige Abutments (Pfeiler) mit integriertem Magnet empfehlenswert, denn sie sind weniger anfällig gegen Lockerung, als mehrfach verschraubte Aufbauteile. Neuerdings werden Konusmagnete angeboten, die eine erheblich größere Toleranz für die Einschubrichtung aufweisen (JAEGER und WIRZ 1998). Da Konus und Kontermagnet eine Stabilisierung gegen Scherkräfte bieten, können auch rigide Prothesenbasen auf zwei oder mehr divergierenden oder konvergierenden Implantatpfosten sowohl bei intra- wie auch extraoraler Anwendung weitgehend stabil gelagert werden. Fixierungskonzepte für Ohrmuschelepithesen sollten grundsätzlich folgende Funktionen und Konstruktionsprinzipien erfüllen (vgl. Abb. lla-c, 18c, 19a-c):
  • ausreichende Haltekraft
  • definierter Sitz
  • definierte Abzugskräfte
  • Rotationsschutz für die Epithese
  • Schutz gegen Scherkräfte
  • Stützfunktion/Kippmeiderfunktion
  • Resilienz (teleskopierende Beweglichkeit)
  • Kraftbrecherfunktion
  • periimplantäre Übersicht
  • einfache Hygiene

Abb. 19a

Abb. 19a (links):
Vollflexible Silikonohrmuschelepithese.

Abb. 19b

Abb. 19b (oben):
Teleskopmagnete in flexiblem Epithesenkörper (Basisseite).
Abb. 19c




Abb. 19c (links):
Divergierende oder konvergierende Teleskoppfosten als Anker für eine vollflexible Epithese bieten eine definierte Fixierung und optimale Übersicht für die Hygiene.

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4. Magnetretention bei Nasenepithesen

Die Verankerung von Nasenepithesen kann auf einem Einzelpfeiler mittels Magnetretention vorgenommen werden (Abb. 13a-c,siehe auch Gehl: Kraniofaziale Epithetik). Zur Fixierung ausgedehnter Mittelgesichtsepithesen und bei fraglicher Knochenqualität kann eine kombinierte Versorgung mit unterschiedlichen Retentionselementen notwendig sein. In diesem Zusammenhang bietet der Einsatz einer 3-D Trägerplatte eine Ergänzung oder Alternative zu Einzelpfosten (FARMAND 1991, GEHL et al. 1993 GEHL 1994). Während der letzten fünf Jahre wurden in unserer Abteilung für Epithetik 43 Patienten mittels magnetverankerten Epithesen versorgt. Insgesamt wurden 88 Einzelpfosten gesetzt, von denen drei nicht einheilten. Bei den 85 osseointegrierten Implantatpfosten kam es nach Eingliederung der Epithese zum Verlust eines Implantates (Auswertungsstand 1999).

Abb. 13a

Abb. 13c
Abb. 13a (links):
84-jährige Patientin nach Ablatio nasi wegen eines rezidivierenden Basalioms. Implantatretention unterhalb der Glabella. (Aus Gehl: Kraniofaziale Epithetik)

Abb. 13b

Abb. 13b (oben):
Defektdeckung mittels magnetretinierter Silikonepithese auf einem Einzelpfeiler. (Aus Gehl: Kraniofaziale Epithetik)


Abb. 13c (links):
Die implantatretinerte Nasenepithese rekonstruiert die Kontur der Nase ästhetisch. Zusätzlich wird die Abstützung für die Brille wiederhergestellt. (Aus Gehl: Kraniofaziale Epithetik)

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5. Fehlerquellen: Ursachen und deren Vermeidung

Die Prävention und Behebung von Misserfolgen besteht vorwiegend im Bewusstmachen und ständigem Aktivieren von Basiswissen (MARXKORS 1999). Dies ist die Voraussetzung für die tägliche Patientenbehandlung und grundsätzliche Kriterien hierzu wurden oben beschrieben. In der Chirurgischen Prothetik und Epithetik, diesem mit Höchstschwierigkeiten gespickten Randgebiet der Zahnheilkunde (DIEDRICHS 1994) sind über das medizinische und werkstoffkundliche Basiswissen hinaus auch materialtechnische Aus- und Weiterbildung und klinische Erfahrung notwendig, um im Einzelfall Fehlerquellen, die zum Misserfolg führen können, im Vorfeld zu erkennen: Ungenügende Planung zur präprothetischen Chirurgie kann ein ungünstiges topografisches Resultat ohne Raum für die Epithese und ohne retentive Option zur Fixierung einer Epithese zur Folge haben (Abb. 20). Daraufhin sollte interdisziplinär ein Konzept zur präprothetischen Chirurgie erstellt werden um einem definitiven Misserfolg auszuweichen. Nachdem der Patient über das aktuelle Konzept aufgeklärt ist und zustimmt, sollte dieses schrittweise und konsequent durchgeführt werden bis ein akzeptables Resultat erreicht ist (Abb. 9a-10b und 12a-f). Ungenügender Sitz und Halt der Epithese hat ein Dislozieren zur Folge. Eine Epithese wird deshalb vom Patienten ständig als Fremdkörper empfunden und nicht inkorporiert, was vor allem bei jungen Menschen zu Störungen und/ oder einer Minderung des Selbstwertgefühls führt (WEERDA 1994). Wenn von chirurgischer Seite kein Prothesenlager für einen definierten Sitz geschaffen werden kann und aus Sicht der zahnärztlichen Prothetik und Werkstoffkunde keine Halteelemente im Epithesenkörper zur sicheren Verankerung integrierbar sind, sollte die epithetische Versorgung zurückgestellt werden, bis bessere Voraussetzungen geschaffen werden können. Ungenügende periimplantäre Übersicht und Hygiene bei Engstand der Pfeiler oder bei Stegkonstruktionen mit niedriger Bauhöhe, kann besonders bei extraoralen

Abb. 20

Abb. 20:
Resultat nach ausgedehnter Tumorresektion bei einem 43-jährigen Patienten. Platzmangel für die Epithese und eine Topografie ohne retentive Optionen sind ungünstige Voraussetzungen für eine epithetische Rehabilitation.

Konstruktionen zu Ablagerung von Exsudat und Schmutz führen (Abb. 21a-c), da keine natürliche Reinigung stattfindet, wie bei der intraoralen Reinigung der Pfeiler durch Umspülung mit Speichel. Die Reinigung von Krusten kann zwar auch extraoral mittels Interdentalbürstchen vorgenommen werden, die Hygiene wäre jedoch wesentlich einfacher, wenn der Pfeilerabstand mindestens 15 mm beträgt und die Reinigung täglich mittels Wasser und feuchtem Wattestäbchen bei jedem Pfeiler zirkulär vorgenommen werden könnte. Zusätzlich sollte die perepitheliale Situation regelmäßig alle sechs Monate bei einer professionellen Kontrolle mit 3 %igem Wasserstoffperoxyd gereinigt werden. Bei ungenügender Hygiene kann eine periimplantäre Entzündung die Hautdurchtrittspforte für Bakterien erweitern. In diesem Fall reicht die Applikation von Bepanthen® häufig aus um eine reizfreie Situation wiederherzustellen. Bei hartnäckigeren Entzündungen kann die Applikation einer antibiotischen Salbe die entzündlich aufgetriebene, erweichte Hautmanschette um die Pfeiler abheilen und straffen. Dadurch dichtet die Hautmanschette wieder besser ab (Abb. 21b). Um Komplikationen vorzubeugen ist eine tägliche Reinigung der Hautdurchtrittsstelle mittels Wattestäbchen und Wasser im Uhrzeigersinn um den Pfeiler zu empfehlen. Dies gehört zur Hygieneinstruktion für den Patienten, denn der minimale Drehimpuls bei der Reinigung begünstigt die Festigung des Insertgewindes im Implantat (eine zirkuläre Reinigung gegen den Uhrzeigersinn kann eine Lockerung des Inserts zur Folge haben). Eine Lockerung der Retentionselemente kann Entzündungen hervorrufen, wenn zwischen dem Implantat und dem Insert subkutan ein Spalt entsteht, in dem sich nekrotisches Material einlagert. Bei der klinischen Beurteilung sickert Exsudat aus der periimplantären Tasche und bei fortschreitendem Entzündungsprozess Pus. Es kommt zu einer Schaukelbewegung des Inserts im Gewindeteil, was schließlich zum Gewindebruch führen kann. Grundsätzlich gilt: Je weniger Schraubverbindungen in der Suprastruktur, desto geringer das Risiko der Lockerung. Der Patient sollte täglich den festen Sitz des Inserts zwischen Daumen und Fingerbeere mit einer Drehung im Uhrzeigersinn kontrollieren. So kommt es zu einer dauerhaften, randdichten Spannungspassung am



Abb. 21a

Abb. 21a::
Engstand der Pfeiler kann die periimplantäre übersicht und Hygiene behindern und Entzündungen provozieren.
Abb. 21b

Abb. 21b:
Reizfreie Situation nach Behandlung mit einer lokalantibiotischen Salbe (z. B. Terracortril®).
Abb. 21c

Abb. 21c:
Eine Stegkonstruktion behindert insbesondere bei niedriger Bauhöhe die Hygiene. Periimplantäre Entzündungen können die Folge sein.

Anschlag des Gewindes. Eine professionelle Überprüfung des festen Sitzes der Inserts mittels Applikator und eine Reinigung mit 3%-igem Wasserstoffperoxyd sollte alle sechs Monate bei einer routinemäßigen Kontrolle durchgeführt werden. Hautirritationen durch Ablagerung von Detergentien können die Ursache für Hautrötungen im Bereich der Epithesenbasis sein, wenn die Epithese beim Haarewaschen nicht abgenommen wird, die Detergentien nicht restlos abgespült werden und Seifen sowie Feuchtigkeit im Epithesenlager bleiben (Abb. 22a). Zur Patienteninstruktion gehört der Hinweis, die Epithese beim Haarewaschen abzunehmen, die Defektregion mit Wasser zu spülen und dann zu trocknen. Die Epithesenbasis sollte zur Belüftung "hohlgelegt" sein und eine Pforte haben, damit sich keine feuchte Kammer bildet (Abb. 22b). Ungünstige Position der Implantate und zu wenig Raum für die Suprastruktur können die Überextension des Epithesenkörpers nach sich ziehen, was zu einer Minderung der Ästhetik führt (Abb. 23). Die Problemlösung mittels abgewinkelten Aufbauteilen ist möglich (console abutments), hat aber eine mehrfach verschraubte Suprastruktur zur Folge und zieht somit den Problemkreis der oben diskutierten Lockerung bei mehrfach verschraubten Retentionselementen nach sich. Deshalb ist die axiale Verschraubung des Inserts mit integriertem Magnet bei idealer Position und Achsneigung des osseointegrierten Implantats das Ziel. Der Weg dorthin und gleichzeitig die Prävention von Misserfolgen ist die konsiliarische Planung zur präprothetischen Chirurgie (GEHL et al. 1993, BESIMO et al. 1995, GEHL et al. 1997).



Abb. 22a

Abb. 23
Abb. 23 (oben):
Position und Achsneigung des superioren Pfeilers liegen ungünstig und außerhalb von Volumen und Kontur einer epithetischen Nasenrekonstruktion. Hingegen ist der Pfeiler unten rechts in der Apertura piriformis ideal positioniert. Deshalb kann hier eine Suprastruktur in ihrer Bauhöhe optimal im Epithesenkörper integriert werden.
Abb. 22a (links):
Hautirritationen unter der Epithesenbasis können durch Ablagerung von Detergentien hervorgerufen werden.

Abb. 22b

Abb. 22b (oben):
Die Epithesenbasis sollte zur Belüftung "hohlgelegt" sein.


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6. Ausblick

Die Wiederherstellung der Orbita mittels Hydroxylapatitbulbus (Bio Eye®) als mukosabedeckter funktioneller Epithesenanker ist in der Chirurgischen Prothetik und Epithetik bislang noch ein Sonderfall: Nach einer unfall- oder tumorbedingten Enukleation wird ein offenporiger HA-Bulbus in die Kavität eingebracht und unter funktioneller Einbeziehung der peribulbären Muskulatur mit Mucosa spannungsfrei übernäht. Während der Einheilung wird ein Conformer in die Lidspalte eingelegt, der das Prothesenlager für die künftige definitive Augenschale ausformt und im superioren und inferioren Fornix sowie im mesialen und lateralen Augenwinkel den Platzbedarf für die definitive Augenschale hält. Nach einer Einheilungsphase von drei Monaten ist das offenporig biokonduktive HA-Implantat von Weichgewebe durchwachsen. Danach wird in einer zweiten Operation für eine individuell eingeschliffene, abnehmbare PMMA-Augenschale eine Verankerung im Implantat mittels permukösem Kupplungsstift geschaffen, damit die epiprothetische Rekonstruktion die gleiche Motilitat wie die kontralaterale Seite erzielt (Abb. 24a-d). Auf diese Weise dient die HA-Endoprothese als funktioneller Retentionsanker für die ästhetische Exoprothese. Somit steht die Gesamtkonstruktion in biomechanischer Wechselbeziehung zu den angrenzenden und integrierenden Gewebsstrukturen und deren spezifischen physiologischen Toleranzgrenzen. Deshalb erfordert diese anspruchsvolle Versorgungsart bereits bei der Planung zur präprothetischen Chirurgie bis zur Fertigstellung eine konsillarische und schrittweise chirurgisch-prothetische Feinabstimmung. Darüber hinaus liefert die Chirurgische Prothetik weitere Beispiele für neue Chancen in der Defektrehabilitation, die biokonduktive Implantate und biodegradierbare Werkstoffe bieten könnten (BELEITES 1985, LE HUEC et al. 1995, GROTEN et al. 1997). Diese Entwicklungen vermitteln den Eindruck, dass enorme werkstofftechnische Ressourcen zur Rekonstruktion verlorener Gewebskonturen mittels alloplastischen bioaktiven Substanzen bereitstehen, die bei konzeptionell klinischer Nutzung neue Wege für die chirurgisch-epiprothetische Gewebsremodellation ausgedehnter Defekte eröffnen.



Abb. 24a

Abb. 24a:
Offenporiges, biokonduktives Hydroxylapatitimplantat als nicht resorbierbarer Bulbusersatz.


Abb. 24b:
Mukosabedeckter HA-Bulbus und Kupplungsbuchse in situ.
Abb. 24c

Abb. 24d
Abb. 24 c und d:
Die funktionell retinierte Epiprothese (linke Orbita) wird mittels Kupplungsstift in der Kupplungsbuchse via HA-Bulbus muskulär geführt.

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7. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Die Epithese ist ein geeignetes Hilfsmittel, einen oberflächlichen Gewebsvolumenverlust ästhetisch zu kaschieren. Man kommt dabei der Forderung nach, das operative Trauma zu minimieren, um sowohl den Patienten als auch sein Gewebe zu schonen. Die Chirurgische Prothetik und Epithetik hat das Ziel, bei minimal invasivem Aufwand ein optimales Prothesenlager zur Fixierung des Ersatzes in definierter Position zu schaffen und ein Dislozieren des Prothesenkörpers zu vermeiden, damit der Patient kein zusätzliches psychosoziales Trauma erleidet. Deshalb gehört zum Therapiekonzept eine präoperative Patientenberatung und eine konsiliarische Planung zur präprothetischen Chirurgie. Der Patient soll verstehen, welches Endresultat erwartet werden kann, welche Möglichkeiten biokompatible Werkstoffe bieten und wo deren biomechanische Grenzen in Hinblick auf den komplikationsfreien, funktionellen Langzeiterfolg zu erwarten sind. Die maxillofaziale Epithetik hatte vorwiegend eine künstlerisch ästhetische Zielsetzung (GEHL 1982, 1985) und auch heute werden hervorragende Resultate erzielt, wobei ausgezeichnete chirurgische und epiprothetische Einzelleistungen im Vordergrund stehen. Darüber hinaus sind allerdings im Zuge implantologischer Innovationen und in Anbetracht hoher Fallzahlen in der Tumortherapie neue Rehabilitationskonzepte mit breitem klinischem Anwendungsspektrum für die Epithetik und Somatoprothetik wünschenswert (GEHL 1999). Es besteht die Tendenz, epithetisches Design als Gerüststruktur zur prothetisch-chirurgischen Rekonstruktion funktionell einzubeziehen. Die Eingliederung gewebsintegrierter Epiprothetik wird zunehmend eine chirurgische, prothetische und werkstoffkundlich interdisziplinäre Herausforderung weshalb dieses Rehabilitationsspektrum zusammenfassend als Chirurgische Prothetik und Epithetik bezeichnet wird (REITEMEIER et al. 1996).

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8. Literatur

  1. BELEITES, E., NEUPERT, G., AUGSTEN, G., VOGEL, W., SCHUBERT, H.: Rasterelektronenmikroskopische Untersuchung des Zellwachstums auf maschinell bearbeiteter Biovitrokeramik und Glaskohlenstoff in vitro und in vivo. Laryng. Rhinol. Otol. 64: 217-220 (1985).


  2. BESIMO, CH. E., GRABER, G., LAMBRECHT, J. TH.: Bildgebende Verfahren zur prächirurgisch-prothetischen Planung implantatgetragener Suprastrukturen. Implantologie 3: 193-207 (1995).


  3. DIEDRICHS, U.: Interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Kiefer-Gesichts-Prothetik. Dental-labor, XLII. Heft 6: 819-822 (1994).


  4. FARMAND M.: Ein neues Implantat-System für die Befestigung von Epithesen (Epitec-System). Dtsch. Z. Mund Kiefer GesichtsChir. 15: 421-427 (1991).


  5. GEHL, G.: Über die Ausbildung eines Epithetikers. Oesterreichische Zahnprothetik. Heft 4: 14-17 (1982).


  6. GEHL, G.: Ein neues Verfahren bei der Versorgung von Gesichtsdefekten. In: EHRING, F. (ed.): Die Epithese zur Rehabilitation des Gesichtsversehrten, Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, Chicago, London, Sao Paulo und Tokio 77-82 (1985).


  7. GEHL, G.: Eine neuartige Fixierung bei Silikonepithesen. In: Kongreßband zum IV. Internationalen Symposium für Chirurgische Prothetik und Epithetik, Linz 39-44 (1992).


  8. GEHL, G., LECHNER, K. H., FARMAND, M.: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei ausgedehnten Kiefer- und Gesichtsdefekt. In: Kongreßband zum V. Internationalen Symposium für Chirurgische Prothetik und Epithetik, Linz 24-31 (1993).


  9. GEHL, G.: Die Immediatepithese. Dtsch. Zahärztl. Z.: 138-141 (1994).


  10. GEHL, G.: Die implantatfixierte Vollsilikonepithese ohne PMMA-Basis. In Kongressband zum VII. Internationalen Syniposium für Chirurgische Prothetik und Epithetik, Linz 35-40 (1995).


  11. GEHL, G., SAILER, H. F, SIMMEN, D., FREY, M., MEYER, V. E.: Von der lmmediatepithese zur definitiven implantatfixierten Gesichtsepithese: Das Zürcher Versorgungskonzept. In: SCHWIPPER, V., TILKORN, H. (Hrsg.): Fortschritte in der kraniofazialen chirurgischen Prothetik und Epithetik. Einhorn-Presse Verlag, Reinbek 222-225 (1997).


  12. JÄGER, K., WIRZ, J., BAUMANN, F.: Konus-Titanmagnetics (Komafix) - ein neues Verankerungselement für die Hybridprothetik. Quintessenz 49. 1: 75-80(1998).


  13. LE HUEC J. C., SCHAEVERBEKET, CLEMENT D., FABER J., LE REBELLER A.: Influence of porosity on the mechanical resistance of hydroxylapatite ceramics under compressive stress. Biomaterials 16, 2: 113 (1995).


  14. MARXKORS, R.: Ursachen, Auswirkungen und Behebungen von Mißerfolgen. Dtsch. Zahnärztl. Z. 54/10: 600-610 (1999).


  15. REITEMEIER, G.: Weiterbildungsempfehlungen der Internationalen Gesellschaft für Chirurgische Prothetik und Epitherik, Linz (1996).


  16. WEERDA, H., SIEGERT, R.: Zugangswege zur plastischen Ohrmuschelkorrektur im Kindesalter. In: SCHMELZLE, R., BSCHORER, R. (Hrsg.),- Plastische und Wiederherstellungschirurgie, Hamburg, Unimed Verlag (1994).


  17. WIRZ, J., SCHMIDLI, F.: Magnetanker im Korrosionstest. Quintessenz 41: 879-886 (1990).




Korrespondenzadresse seit 1.1.2008:
Dr. Gerolf Gehl, Praxisgemeinschaft Zentrum Felsenburg
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Copyright: ecomed-Verlag, Landsberg;"http//:www.ecomed.de" Übernahme des Beitrags "Chirurgische Epithetik" (Originaltitel) mit freundlicher Genehmigung aus KRUPP, S. (Hrsg.): "Plastische Chirurgie". 15. Erg.Lfg., Juli 2000
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